Mein Maskottchen ist der Gefahrgutbeauftrage von LEGO. Er sitzt auf meinem Schreibtisch und wacht darüber, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Den Beginn unserer wunderbaren Freundschaft sehen Sie hier (und über die Schwierigkeiten, zueinander zu finden erfahren Sie hier mehr)

Mittwoch, 5. November 2014

Mauerspechte im Winterschlaf? Das ZDF vergeigt eine Social-Media-Aktion zum Mauerfall

Unten folgt ein kleines  folgen zwei Updates

Irgendwie war schon die Wahl des Namens für die Social-Media-Aktion des ZDF anlässlich des 25. Jubiläums des Mauerfalls nicht ganz so glücklich gewählt: Unter dem Motto "Mauerspecht" soll die Mauer virtuell erneut zum Einstürzen gebracht werden, durch Beteiligung via Twitter, Facebook, Instagram  oder die Homepage des ZDF. Jeder Beitrag, der mit dem Hashtag  #mauerspecht versehen gepostet wird bringt genau einen Meter der Mauer zum Einsturz.
So ganz mag der Name für die Aktion nicht passen, denn die umgangssprachlich so genannten Mauerspechte verrichteten vor knapp 25 Jahren ihre Tätigkeit erst NACH dem (politischen) Fall der Mauer, oftmals nur, um die ermeißelten Bruchstücke später für diverse Märker an geschichtstrunkene Souvenirjäger zu verscherbeln.

Nun denn, der Name steht, es gibt selbstverständlich ein putziges animiertes Maskottchen, und was für ein Wunder, es ist ein Buntspecht!  Übrigens, böse Falle, es ist eindeutig ein Männchen, erkennbar am roten Fleck im Genick. Hätte man da nicht auch.....  ach, egal. 
Die gesamte Aktion läuft über 2 Wochen, begleitet von einer massiven PR-Kampagne über sämtliche Kommunikations-Kanäle.



Passenderweise nennt man das Ganze nun sehr neudeutsch die "mauerspecht-Challenge". Das weckt sofort unangenehme Assoziationen, etwa an die unsägliche "Lanz-Challenge" im demnächst ja glücklicherweise zu Tode gesendeten Samstagabend-Fremdschäm-Rekord (im - ach nee - ZDF), oder die ebenso unsägliche Ice Bucket Challenge, die hauptsächlich dazu diente, die grotesken Gehälter der Vereinsvorsitzenden zu finanzieren.

Nun gut, widmen wir uns wieder der Mauerspecht-Herausforderung, um es auf Deutsch zu sagen. Das ZDF fordert also die Welt im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen auf, dazu beizutragen, die Mauer durch Erinnerungen, Gedanken, Fotos oder Videos erneut einzureißen. Wie gesagt: Pro Beitrag wird ein Meter der Mauer zerklöppelt.

Die Umsetzung ist recht gelungen, man kann den Specht über bereits zerkleinerte Meter der Mauer fliegen lassen und in einer Sidebar die entsprechenden Beiträge, die zum "Einsturz" dieses Teilstücks geführt haben, ansehen. Doch diese sind in den selteneren Fällen wirklich erhellend (Zitate: "durfte extra lange aufbleiben und TV kucken" oder "wäre damals die Mauer nicht gefallen hätte ich meine Frau nicht kennen gelernt").

Doch nun gibt es ein kleines Problem: Die Mauer war ca 160 Kilometer lang.
Das sind 160.000 Meter. Bedeutet: Um die "Challenge" zu gewinnen benötigt man in zwei Wochen 160.000 Beiträge!!!!

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Es folgen nun leider ein paar Zahlen, aber diese sind notwendig, um das komplette totale sich abzeichnende Desaster zu verdeutlichen:

Die Aktion läuft 14 Tage,  Ziel sind 160.000 Beiträge.
Bedeutet bei einer konstanten Beteiligung knapp 11.500 Beiträge PRO TAG!
Um es noch deutlicher zu machen: Dies bedeutet knapp 480 Beiträge pro Stunde, 8 Stück pro Minute.

Alle 7,5 Sekunden ein Beitrag?

Wir befinden uns heute, am 5.11., mittlerweile am 9. Tag der Challenge, Legt man die oben genannte Berechnung zugrunde, dann hätten sich mittlerweile deutlich mehr als 100.000 Beiträge einfinden müssen, damit man im Zeitrahmen bleibt. 
Es sind (Stand 5.11., 13:00) ganz genau


Man hat also innerhalb von NEUN Tagen nicht einmal das Soll eines EINZIGEN Tages geschafft.

Mal schauen, was unser kleines tapferes Maskottchen dazu zu sagen hat:


Klingt gar nicht soooo schlecht, wäre da nicht die nächste nächste Meldung:



Um jetzt nicht der Miesmacher zu sein: Natürlich kann die Tschällänsch noch gewonnen werden. Es fehlen nur 150.769 Beiträge, und man hat noch 4 Tage Zeit. Wenn ab jetzt sofort alle ZWEI SEKUNDEN ein Beitrag gepostet wird ist die Mauer pünktlich am 9.11. wieder komplett eingerissen. Geht es allerdings in diesem Tempo weiter, dann stehen von den ehemals 160 Kilometern am Tag der deutschen Einheit noch erschreckende 145 Kilometer und 641 Meter.



Übrigens: Idee, Konzept und Umsetzung sind alles andere als ein Flop, im Gegenteil. Nur die Zielsetzung ist derart ambitioniert, dass sie dem Namen dieses Blogs leider alle Ehre macht. Sofern der kleine tapfere Gefahrgutauftragte hiermit für ein paar neue Beiträge gesorgt haben sollte freut er sich tüchtig!

Es bleibt die Frage: Ist eine solche Aktion, die sich auf ein Ereignis bezieht, das 25 Jahre her ist, wirklich bei Twitter, Facebook und Co gut aufgehoben?

Auf die verkehrte Zielgruppe gebaut?

Die Mauer fiel - ach nee - vor 25 Jahren. Wer damals 15 Jahre alt war ist nun 40, und wäre somit im "besten Internet-Alter", um seine Erinnerungen zu teilen. Immerhin 95% der Männer und 90% der Frauen im Alter von 35-59 nutzen regelmäßig das Internet. Doch die Generation, die beim Mauerfall 35 Jahre oder älter war und demzufolge eine "Lebensgeschichte" zu erzählen hätte nutzt das Netz nur selten, gerade einmal 39% der Frauen ab 60 sind häufiger im Netz unterwegs. Noch eindeutiger sind die Zahlen in Bezug auf Facebook und Twitter:

Anteil der Twitter-Nutzer über 55 Jahre: 9%
Anteil der Facebook-Nutzer über 55 Jahre: 11%

Wie gesagt, die 55jährigen waren beim Mauerfall "erst" 30 Jahre alt.

UPDATE 7.11.2014, 8:30 Uhr:


Inzwischen gibt es

Klingt viel, bedeutet aber, dass man noch nicht einmal 10% der Zielvorgabe erreicht hat. Allerdings sind schon 85% des Zeitrahmens verstrichen, Oder wie es der kleine Buntspecht so passend ausdrückt:


(alle Fotos sind Screenshots von http://mauerspecht.zdf.de/ )

PS: Dollsten Dank an die lieben Kollegen vom bildblog, der Gefahrgutbeauftragte ist entzückt!!


UPDATE 10.11., 4:30:   





Am Ende waren es immerhin 30.500 Kommentare auf Facebook, Beiträge oder Tweets. Bedeutet: 30,5 Kilometer der Mauer wurden zerklöppelt. An den (virtuell) noch stehenden  129,5 Kilometern könnten sich nun vielleicht Graffiti-Künstler austoben? Irgendwas muss man ja mit dem Bauwerk anstellen....

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

..und im anderen ach so wichtigen Sender wurde um 20:15 Uhr in der TAGESSCHAU die (so eigenartige wie ahnungslose) Nachricht verbreitet, dass Django Reinhardt ein "Flamenco-Spieler" gewsen sein. Django Reinhardt! Flamenco!!
Auch putzig.

-Jeeves

Dirk hat gesagt…

Dabei hat die Maybrit Illner doch so schoen Werbung im TV gemacht. Das konnte man sogar mit Roehrenfernseher sehen.
Nur leider kann man dort keine Beitraege posten ....

Anonym hat gesagt…

Zumindest ist die ambitionierte Höhe des gesteckten Zieles eine gute Reminiszenz an den damals ja auch für nicht möglich gehaltenen Mauerfall.

Anonym hat gesagt…

Wieder ein schönes Beispiel, wie unsere GEZ-Gebühren, vollkommen am Zuschauer vorbei, verpulvert werden.
Alleine die Programmierung dürfte tausende an Euros gekostet haben :-(

Mirko hat gesagt…

Bitte, bitte, baut sie wieder auf!!
Nicht einreissen, nein, aufbauen!!

Anonym hat gesagt…

Die Kernzielgruppe des ZDF (80+) kann sich wahrscheinlich gar nicht mehr an den Mauerfall erinnern und den anderen im real existierenden kapitalismus Angekommenen geht es mittlerweile schlicht und ergreifend am Arsch vorbei ...

Übrigens schrieb mir das ZDF doch tatsächlich dass es die Aktion als "vollen Erfolg" sehe!

Anonym hat gesagt…

Und jetzt kommt die Pointe zu dem überdimensionierten Ziel: Es gab gar keine so lange Mauer zwischen Ost und West! Die überwiegende Strecke waren "nur" Grenzzäune.
Das macht das hoch gesteckte Ziel noch sinnloser.

Torsch hat gesagt…

Ohne das (zu) ambitionierte Ziel hätten wohl weniger gepostet. Denn einige posten vielleicht nur, um das Ziel "gemeinsam zu erreichen".

Einige der Beiträge sind wirklich lesenswert. Von daher finde ich die "tausenden Euro" dafür gerechtfertigt.

Falk hat gesagt…

Ein paar nette Tweets mit dem Hashtag sind ja doch noch dabei rum gekommen…

Schade nur, dass so viele Kommunikations-Heinis ihre Ideen durchpitchen, ohne vorher mal kurz zu googlen ("Mauerspecht") oder einen Taschenrechner in die Hand zu nehmen (160.000 Beiträge).

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