Mein Maskottchen ist der Gefahrgutbeauftrage von LEGO. Er sitzt auf meinem Schreibtisch und wacht darüber, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Den Beginn unserer wunderbaren Freundschaft sehen Sie hier (und über die Schwierigkeiten, zueinander zu finden erfahren Sie hier mehr)

Mittwoch, 20. April 2011

Sinnfreies Spielen?

Ich wohne im Prenzlauer Berg und höre jetzt schon den entrüsteten Aufschrei der Latte-Macchiato-Muttis von den umliegenden Dachterrassen: "Oh nein, doch nicht etwa sinnfreies Spielen? Einfach nur so, ohne Sinn und Verstand? Und was soll mein Sophia-Louise dabei LERNEN?"

Keine Angst, kann ich da schnell beruhigen, es geht auch anders. Denn auch LEGO, der sympathische dänische Plastik-Klötzchen-Hersteller,  bietet nun Spielzeug mit aktuellem didaktischem und pädagogischem Hintergrund an. Nicht mehr sinnloses Klötzchen-Stapeln, oder simples Nachspielen von Kino-Blockbustern oder dem stupiden Nachbau von Papis Großbagger, nein, es wird etwas für´s Leben gelernt: In der allerneuesten Kollektion der Minifiguren gibt es neben dem verrückten Wissenschaftler, dem Fußballspieler oder dem politisch korrekten Surfer-Mädchen auch den Gefahrgutbeauftragten.



Zunächst mal kurz ein Faktencheck:
Laut Wikipedia ist ein Gefahrgutbeauftragter ein Angestellter eines Transportunternehmens, dessen Aufgabe es ist, für die "Einhaltung der Vorschriften zur Beförderung gefährlicher Güter für den jeweiligen Verkehrsträger" zu sorgen.

Aber wirft man einen Blick auf unseren tapferen kleinen "Gefahrgutbeauftragten", so erschrickt man doch ein wenig: Gekleidet in einen warn-gelben Strahlenanzug, auf dem auf der Brust das internationale Symbol für Radioaktivität prangt, hält er ängstlich seinen Geigerzähler wie zur Abwehr böser Geister von sich gestreckt. Durch das Visier seines Schutzhelmes kann man weitaufgerissene panische Augen und einen zum stummen Schrei verzerrten Mund erbklicken.

Nun könnte man natürlich sagen:
"Mit dem allerneuesten Gefahrgutbeauftragten kann das Kind die tagtäglich erlebte Bedrohung durch radioaktive Strahlung spielerisch kompensieren und in seine eigene Erfahrungswelt transferieren. Schon früh gemachte positive Erlebnisse bezüglich des Umgangs mit irrationalen Ängsten schaffen ein ausgeglichenes und objektives Verhältnis zur eigenen und erweiterten Umwelt."

Aber nun bitte ich Sie:
Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Transportunternehmen, und der betriebseigene Gefahrgutbeauftragte rennt den ganzen Tag panisch kreischend  mit Strahlenanzug und Geigerzähler herum, die Augen schreckgeweitet.

Was wohl die Mutti von Sophia-Louise dazu sagt?

Empfohlen ist das Spielzeug übrigens für Kinder ab 5, es wird gewarnt, dass man den kleinen Geiger-Zähler oder den Schutzhelm verschlucken könnte.

Eine kleine Anfrage bei LEGO - das sich übrigens aus dem dänischen "leg godt" (für "spiel gut") ableitet - ergab, dass die neue Minifiguren-Kollektion eine Vorlaufzeit von ca einem Jahr hatte, was das Design und die Produktion betrifft. Also alles politisch korrekt in einer strahlungsarmen Vor-Fukushima-Zeit in dänischen Bastel-Stuben für die Kinder dieser Welt erdacht (und in China hergestellt). Ganz unglücklich dürfte man in der Firmenzentrale im dänischen Billund über den aktuellen traurigen Bezug zur Realität nicht sein, wird man doch laut eigenen Aussagen mit Nachfragen nach dem kleinen Strahlemann geradezu überrannt.
Doch clevererweise erfolgt der Verkauf nach dem Überraschungsei-Prinzip: Man weiss nie, welche der aktuell 16 neuen Figuren sich in den blickdichten Verpackungen verbirgt. Auf LEGO-Deutsch übrigens "Blind-purchase"-Prinzip. Auf ebay wird der Bursche mittlerweile mit 2-400% Aufschlag verkauft.

Und hier schon mal ein paar kleine Spieltipps für Sophia-Louisa:



Noch schauen die drei Damen im Kimono nur ungläubig....
aber als sie den Geigerzähler knattern hören, muss der Strahlemann ganz fix abhauen, uiuiui.....
Der Strahlemann muss einen verdächtigen Gegenstand prüfen, doch im Hintergrund formiert sich schon eine wütende Menschenmenge.
und das passiert, wenn der Strahlemann dann mal leider seinen Strahlenanzug verliert.....

Da es hier nicht wirklich reingehört, aber dennoch der Nachwelt erhalten bleiben soll, hier ein kleines "Making-Of" zu obigem Artikel.

Und der kleine Gefahrgutbeauftragte hat nun auch endlich ein Zuhause, er steht vor dem Brandenburger Tor

Kommentare:

Claudia hat gesagt…

Das Männeken ist ja ganz putzig, aber als Betroffene (ich bin Gefahrgutbeauftragte) finde ich es unschön, dass - nicht zuletzt durch die Darstellung dieser Figur in den Medien (also zumidnest bei SZ-Online und hier) falsche Assoziationen zu diesem Beruf entstehen.

Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn z.B. eine Figur "Lehrerin" (politisch korrekt) alt, grauhaarig, mit grimmigem Gesichtsausdruck und Rohrstock dargestellt würde...

Liebe Menschen: Gefahrgutbeauftragte tragen eigentlich nie Strahlenschutzanzüge oder irgendwelche lustigen Schläuche auf dem Rücken. Sowas überlassen wir z. B. der Feuerwehr. Ein Gefahrgutbeauftragter sieht aus wie ein ganz normaler Mensch (manche Legenden sagen: es sind sogar normale Menschen), die mit Logistik zu tun haben und sich öfter mit Vorschriften rumschlagen dürfen/wollen/müssen... aber ein Büromensch mit einem Vorschriftenbuch (eines reicht bei weitem nicht) ist sicher zu uninteressant für eine Lego-Figur...

tobi hat gesagt…

Schön, dass aus berufenem Mund hier ein Experten-Kommentar auftaucht. Danke dafür! Ich hab auch eigentlich versucht, klar zu machen, dass der Bursche wohl eher KEIN Gefahrgutbeauftragter sein kann und vielleicht ursprünglich auch anders tituliert wurde, aber nach den Ereignissen in Japan man eine möglichst "harmlose" Bezeichung finden musste. Dass nun Ihr Beruf dafür herhalten musste ist tatsächlich eher unschön, Sie haben vollkommen recht.

Dirk hat gesagt…

Sehr schön ist auch der Gefahrgutbeautragte am Brandenburger Tor:
http://absolutobsolet.blogspot.com/2012/01/ick-bin-ein-borlinah.html

Get Fireworks Effect Effect